Wer sucht, der findet! oder: Geduld ist eine Tugend...


In der zweiten Folge habe ich euch erzählt, wie Sally zu mir kam. Diesmal geht es um die ersten Wochen bei mir zu Hause und die Suche nach einem Kindergartenplatz. Ich arbeitete zum Zeitpunkt von Sallys Ankunft seit ca. einem Jahr bei einer Wiener Anwaltskanzlei und hatte mir die ersten zwei Wochen nach ihrem Einzug freigenommen, um mich ganz auf Sally zu konzentrieren und administrative Dinge zu klären.


Das mag sicherlich nicht viel erscheinen, und in einer perfekten Welt hätte ich mir am liebsten mehrere Monate freigenommen, um rasch eine enge Beziehung zu Sally aufzubauen und sie intensiv zu fördern. Da ich alleinstehend war und alleine für meinen, und nun auch Sallys, Lebensunterhalt sorgen musste, habe ich mir soviel Urlaub genommen, wie finanziell und beruflich möglich war. Damals war es noch nicht möglich, bei der Aufnahme eines Pflegekindes in Karenz zu gehen, das ist heute meines Wissens zum Glück anders. Der Vorteil am System Pflegekind ist, dass man einen gewissen monatlichen Betrag an finanzieller Unterstützung von der Stadt Wien erhält. Dies gab mir die Möglichkeit, meine Arbeitszeit von 40 auf 30 Stunden zu reduzieren und so einen Kompromiss für alle zu finden.


Entdeckung der Freiheit


In den zwei Wochen Urlaub beschäftigte ich mich intensiv mit Sally und verbrachte so viel Zeit wie möglich mit ihr in der Natur, im Tierpark Schönbrunn und auf dem Spielplatz, denn ihr Drang nach Bewegung war enorm. Ich hatte das Gefühl, dass Sally glücklich war, endlich frei zu sein und dorthin laufen zu dürfen, wohin sie wollte. Einmal losgelassen, war sie nicht mehr zu stoppen.


Die extrem verformten Beine konnten sie nicht aufhalten, sie kletterte auf alle Klettergerüste und wollte hoch hinaus. Die Schaukel konnte nicht zu wild für sie schwingen, so dass mir als Zuseherin manchmal angst und bange wurde. Sie konnte sich minutenlang im Kreis drehen, ohne die geringsten Anzeichen von Schwindel zu zeigen. Damals wusste ich noch nicht, dass dieses Verhalten auf eine Wahrnehmungsstörung zurückzuführen war - mehr dazu in einer späteren Folge dieser Reihe.


Ich redete den ganzen Tag mit ihr, um ihre Sprachentwicklung zu fördern, da sie kaum sprechen konnte. Sie beherrschte nur ein paar Worte Deutsch und Türkisch. Da zuvor in der Krisenpflegefamilie Wiener Dialekt gesprochen wurde, war es manchmal eine Herausforderung, die deutschen bzw wienerischen zwischen den türkischen Worten herauszufiltern und zu interpretieren. Zusätzlich verständigte sich Sally mit Gesten. Auch hier fand ich erst nach und nach heraus, was diese bedeuteten.


This time for Africa!


Wenn sie zum Beispiel mit der Zunge schnalzte und gleichzeitig mit den Fingern schnippte, dann wollte sie Musik hören. Gerade Musik war schon im Kleinkindalter sehr wichtig für Sally. Sie tanzte für ihr Leben gerne, dachte sich schon mit zwei Jahren eigene Choreografien zu den Liedern aus und konnte in kürzester Zeit die Texte mitsingen. In dem Alter waren ihre Lieblingssongs Waka, waka von Shakira, Changes von David Bowie und Funkytown von Lipps Inc. Wenn wir die Straße entlang gingen, und aus einem offenen Autofenster drang Musik zu uns, fing sie automatisch an, sich dazu im Rhythmus zu bewegen.


Die Vernachlässigung durch die biologischen Eltern und die Tatsache, dass Sally bereits einige Stationen hinter sich hatte, hatten dazu geführt, dass sie sich vorwiegend von "Fruchtzwergen" (Beweisfoto rechts😉) und Salatgurkenscheiben ernährte. Das musste sich natürlich ändern! Langsam erweiterte ich das Spektrum der Lebensmittel mit viel Geduld und vor allem dadurch, dass ich sie in die Zubereitung der Mahlzeiten einbezog.


Sally war jedenfalls in den ersten Monaten ein sehr pflegeleichtes Kind, das sich sehr gut bei mir einzuleben schien. Die erlebten frühkindlichen Traumata kamen erst nach einiger Zeit hoch. Sally zeigte dann Verhaltensweisen, die mich zeitweise vor Rätsel stellten, wie ich damit umgehen sollte.


Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben


Aus heutiger Sicht war ich völlig tiefenentspannt und vielleicht ein wenig naiv. Ich lebte ein wenig nach Franz Beckenbauers Motto "schaugn ma moi, dann segn ma scho". Die erste Herausforderung war, für Sally einen Kindergartenplatz zu finden. Wie bereits erwähnt, musste ich ja zwei Wochen nach Sallys Ankunft wieder zu arbeiten beginnen, zwar nur 6 Stunden am Tag, aber in diesen Stunden musste Sally ja auch irgendwo adäquat betreut werden. Meine Mama hatte mir für ein paar Wochen in der Übergangsphase ihre Unterstützung zugesagt, aber auch diese Lösung war endlich.


Ich ging in meiner Naivität davon aus, dass die Stadt Wien mir helfen würde, einen Kindergartenplatz zu finden. Schließlich hatte ich ja ein "älteres" Pflegekind aufgenommen, das schwer zu platzieren und reif für den Kindergarten war. Rechtlich war es, wie bereits erwähnt, damals nicht möglich, bei der Aufnahme eines Pflegekindes in Karenz zu gehen und daher war ich überzeugt, auf Unterstützung durch die Ämter bei der Suche zählen zu können.


Wie ihr euch schon denken könnt, war dem nicht so. Das war eine böse Überraschung für mich. Ich ging zur zuständigen Stelle für die Vermittlung von Kinderbetreuungsplätzen in Wien und versuchte meine Argumente für die Unterstützung vorzubringen. Leider half alles nichts und man drückte mir schließlich eine mehrseitige Liste in die Hand mit Kontaktadressen für Kindergärten und Tagesmütter, die ich selbst kontaktieren musste, um einen Platz zu finden.


Der Telefondraht glüht


Ihr könnt euch vorstellen, dass sich die Suche recht schwierig gestaltete. Es war ja bereits Ende September und die meisten Eltern hatten ihre Kinder schon lange im Voraus im Kindergarten angemeldet. Ich wollte bewusst für Sally keine Tagesmutter wählen, da ich sie nicht durch eine weitere einzelne Bezugsperson verwirren wollte. Sie sollte ja nicht glauben, dass sie schon wieder zu einer neuen Mama kommen sollte.


Zwar haben wir in Wien ein tolles Angebot an privaten und städtischen Kindergärten und anderen Betreuungsmöglichkeiten, aber die meisten waren eben schon komplett ausgebucht. Mit jeder Telefonnummer, die ich wählte, sank meine Hoffnung, einen freien Platz für Sally zu finden. Nach der zweiten Seite hatte ich eine kurze Heulkrise, doch dann riss ich mich zusammen, wählte weiter und sagte jedes Mal den gleichen Text auf.


Ich hatte auch nicht erwartet, teilweise auf negative Aussagen der Kindergartenleitung zu stoßen, bei der Erwähnung, dass es sich bei Sally um ein Pflegekind handelt. Ich ging recht offen mit ihrer Vorgeschichte um und sah keinen Grund, daraus ein Geheimnis zu machen. Eine Kindergartenleiterin sagte mir darauf sinngemäß, dass Sally wahrscheinlich schlechtes Erbmaterial hätte und es daher zweifelhaft sei, ob einmal etwas aus ihr würde. Wahrscheinlich würde sie ebenso kriminell werden wie ihr Erzeuger. Selbstverständlich wollte ich so einer Person meine Tochter nicht anvertrauen, auch wenn die freien Plätze rar waren. Nach diesem Erlebnis vertraute ich nicht mehr jedem so offen Sallys Vorgeschichte an.


Veni, vidi, vici - uff!


Endlich - ich weiß nicht mehr auf welcher Seite der Liste ich angekommen war - hatte ich Erfolg - ein wahrer Glücksfall. Ein privater Kindergarten ganz in meiner Nähe hatte erst dieses Jahr eröffnet und noch Plätze frei. Außerdem hatten die Gründer beschlossen, keine unverschämt hohen Monatsbeiträge zu fordern, um eine gute soziale Durchmischung im Kindergarten zu fördern. Meine Erleichterung war unbeschreiblich - wir vereinbarten einen Termin, um uns gegenseitig zu beschnuppern und, vor allem, um zu testen, ob Sally sich im Kindergarten wohl fühlen würde.


Ob Sally sich im Kindergarten wohlgefühlt hat und wie die Geschichte weitergeht, erfahrt ihr in der nächsten Folge!



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