Sterne, Blumen und Kinder

Meine Reise zum Kind (2)


Dante Alighieri schrieb einst - "Drei Dinge sind uns aus dem Paradies geblieben: die Sterne der Nacht, die Blumen des Tages und die Augen der Kinder."


In der ersten Folge habt ihr schon ein wenig über meine Pflegetochter Selcan erfahren, die mittlerweile am liebsten Sally genannt werden möchte. Dieses Jahr im Herbst ist sie nun schon seit unglaublichen zehn Jahren bei mir.


Ich kann mich noch sehr gut an unser erstes Treffen erinnern. Es fand im Jahr 2010 in einem der Amtsgebäude der MA 11 statt. Die Jugendamtsmitarbeiterin hatte mich eingeladen, die Krisenpflegemama und Sally kennenzulernen. Als ich Sally zum ersten Mal traf, war sie zwei Jahre alt. Ich war sofort von ihr begeistert. Sie war aufgeweckt und neugierig auf die Welt. Sie ging sofort offen auf mich zu und war fasziniert vom glitzernden Schmuck, den ich an diesem Tag trug. Dann gingen wir zusammen auf Erkundungsreise durch die Amts- und Besuchszimmer und erforschten alles, was es dort zu sehen gab. Dabei verständigten wir uns mit Gesten und Lauten, denn Sally konnte sich im Alter von zwei Jahren noch kaum mit Worten ausdrücken, weder auf Deutsch noch auf Türkisch.


Schwieriger Start ins Leben


Zunächst erfuhr ich nur wenig von ihrer Geschichte. Ich wusste, dass sie die dritte von vier Schwestern war, die alle fremd untergebracht waren, und dass sie wohl von ihren Eltern stark vernachlässigt worden war. Das kam nicht nur dadurch zum Ausdruck, dass sie nicht sprechen konnte. Sie hatte auch durch Vitamin D-Mangelrachitis stark verformte Beine, umgangssprachlich "O-Beine" genannt, so dass sie beim Gehen und Laufen von einer Seite zur anderen schwankte. Das waren die äußeren Merkmale ihrer Vernachlässigung.


Die neurologischen Schäden und die psychologischen Traumata blieben zunächst unsichtbar. Ich erfuhr anfangs nur, dass Sally im Alter von ca. einem Jahr den Eltern abgenommen wurde und bis zum Alter von etwa zwei Jahren bereits in der zweiten Krisenpflegefamilie untergebracht war. So hatte Sally in den ersten beiden Lebensjahren, der wichtigsten Phase für die Ausbildung von sicheren Bindungen, bereits starke Defizite. Ein lustiger Zufall wollte es, dass die damalige Krisenpflegemama, eine warmherzige und liebevolle Frau, aus der Nachbarschaft meiner Großmutter stammt und meine Mutter sie noch aus Kindertagen kennt. Ein paar Jahre nachdem Sally zu mir gekommen war, zogen wir dann in das Haus meiner Oma um und wohnen nun lediglich ein paar Querstraßen von ihrer zweiten Krisenpflegemama entfernt.


Mit zwei Jahren "zu alt"?


Sally stand kurz davor, in einem Wohnheim untergebracht zu werden, da sie als schwer vermittelbar galt. Das lag an ihrem Alter, da sich viele Pflegeeltern ein Baby wünschen, an ihren "O-Beinen" und an ihren türkischen Wurzeln. Viele Pflegeeltern, die selbst einen christlichen Hintergrund haben, können es sich nicht vorstellen, ein Pflegekind einer anderen Religion aufzunehmen. Das ist keine Kritik, diese Überlegungen im Vorfeld sind sehr wichtig, denn es ist nicht einfach, ein muslimisches Kind aufzunehmen, das aufgrund seiner Religion zB nicht die Kommunion empfangen darf. Das ist sowohl für das Kind als auch für das Umfeld schwierig, wenn der Kirchenbesuch und die Religion im Familienleben einen wichtigen Platz einnehmen. Denn das Recht auf die Wahl der Religion verbleibt bei den biologischen Eltern und diese stimmen in solchen Fällen einem Religionswechsel nur selten zu.


All diese Dinge konnten mich jedoch nicht abschrecken. Sallys Alter war für mich ideal, da ich so einen Kindergartenplatz suchen konnte, denn ich musste ja weiterhin aus finanziellen Gründen meinen Beruf ausüben. Ich hatte aufgrund meiner Lebensgeschichte bereits viel Kontakt zu unterschiedlichsten Kulturen und Religionen gehabt und konnte mich daher immer schon gut in andere Mentalitäten einfühlen. Darum hatte ich keine Berührungsängste mit Sallys Herkunftsfamilie. Und da Sally ihr "Schleudergang" nicht daran hinderte, fröhlich zu sein und überall munter hinaufzuklettern, war ich zuversichtlich, dass wir diese Schwierigkeit auch überwinden würden.


Die Anbahnung beginnt


Ich war mir einfach sicher, dass die Entscheidung richtig war und dass Sally das "richtige" Kind für mich war. Darum stimmte ich nach dem ersten Treffen zu, dass ich Sally aufnehmen würde. Danach begann die sogenannte Phase der Anbahnung. Während dieser Zeit, die ein paar Wochen dauern kann, lernen sich Kind und Pflegeeltern bessern kennen, damit ein gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden kann.


Anfangs ging ich Sally bei ihrer Krisenpflegefamilie besuchen. Dort spielten wir und verbrachten viele gemeinsame Stunden. Besonders interessant fand sie jedes Mal den Inhalt meiner Handtasche, der dem Klischee einer weiblichen Handtasche mehr als entsprach und daher viele Entdeckungen zu bieten hatte. Nach einiger Zeit gingen wir bereits zu zweit spazieren und für einige Stunden auf den Spielplatz. Sally fasste immer mehr Vertrauen zu mir und freute sich jedes Mal, wenn ich zu Besuch kam.


Der einzige Wermutstropfen in der Anbahnungsphase war, dass ihre Schwester, die nur ein Jahr älter als Sally war, bei derselben Krisenpflegefamilie untergebracht war und ebenfalls auf einen Platz in einer fixen Pflegefamilie wartete. Jedes Mal, wenn ich Sally besuchte, merkte ich, dass ihre Schwester auch so gerne von mir dieselbe Aufmerksamkeit gehabt hätte. Ich wusste, dass sie es aufgrund ihres Alters noch schwerer haben würde als Sally, eine Pflegefamilie zu finden. Diese Situation brach mir das Herz und ich bot dem Jugendamt an, dass ich auch beide Schwestern aufnehmen könnte. Die zuständige Dame vom Jugendamt machte den Einwand, dass es für Sally besser sei, allein in einer Familie platziert zu werden, weil sie die alleinige Aufmerksamkeit brauche. Im Nachhinein betrachtet, war das mit Sicherheit eine gute Entscheidung. Und ich freute mich zu erfahren, dass Sallys Schwester kurz darauf ebenso eine sehr liebevolle Pflegefamilie und ein neues Zuhause gefunden hat.


Meet the parents


Etwa parallel dazu fand das erste Treffen mit Sallys biologischen Eltern statt. Auch hier hatte der Zufall seine Hände im Spiel. Normalerweise wird so ein Zusammentreffen auf beiden Seiten besprochen und vorbereitet. In meinem Fall war das natürlich wieder einmal ganz anders. Ich hatte einen Termin bei der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin, bei dem wir noch einige Punkte besprechen sollten. Plötzlich erhielt diese einen Anruf vom Empfang. Sallys Eltern waren am falschen Tag zu einem Termin mit derselben Mitarbeiterin erschienen. Wir berieten uns kurz. Sie bat mich, einmal kurz draußen spazieren zu gehen und in mich hineinzufühlen, ob ich zu einem spontanen Treffen bereit wäre.


Ich hatte mir im Vorfeld viele Gedanken gemacht, ob ich es wohl schaffen würde, den Eltern möglichst neutral gegenüberzutreten, obwohl sie Sally so vernachlässigt hatten. Ich war nicht sicher, ob ich die Wut, die ich ihnen gegenüber empfand, würde verbergen können. Vielleicht war es ganz gut, dass das Zusammentreffen so ungeplant geschah. Ich war total unvorbereitet und hatte gar keine Zeit, um mich in die Aufregung hineinzusteigern.


Nach ein paar Minuten nahm ich meinen Mut zusammen und ging wieder ins Amt. Ich klopfte an die Türe und da standen auch schon Sallys Eltern vor mir. Ich war positiv überrascht. Sie waren beide noch recht jung im Vergleich zu mir, nicht sehr groß und wirkten überhaupt nicht bedrohlich. Ich weiß noch, dass Sallys Vater mich ansah und sagte "die sieht aber nett aus". Wir begrüßten uns freundlich und gaben uns die Hand. Von diesem Zeitpunkt an wusste ich, dass wir trotz der schwierigen Situation für alle Beteiligten gut miteinander auskommen würden. Sich trotz der Vorfälle der Vergangenheit und der meist schwerwiegenden Gründe für die Kindesabnahme mit Respekt zu begegnen ist meiner Meinung nach das Erfolgsrezept für ein gutes "Arbeitsverhältnis" mit den biologischen Eltern. Das ist nicht immer einfach und kommt sicherlich auch auf die Vorgeschichte an, aber wenn man das schafft, kann man sich viele spätere Spannungen ersparen.


Nach diesem Treffen brauchte ich jedoch erstmal einen starken Kaffee im Büro der Jugendamtsmitarbeiterin, um mich vom Schock zu erholen...


Sallys Ankunft


Eines Tages im September war es endlich so weit. Die Krisenpflegeeltern brachten Sally zu mir. Ihre wenigen Habseligkeiten, fast nur Kleidung und Schuhe, passten in zwei Einkaufstaschen. Nach wenigen Minuten verließ die Krisenpflegemama die Wohnung, ohne Abschied von Sally zu nehmen. Sie hatte bereits viel Erfahrung mit solchen Übergaben und wusste daher, dass der Übergang in die neue Umgebung für das Kind leichter ist ohne großes Abschiedsdrama. Wahrscheinlich fiel es auch ihr so leichter, die Kinder, die bei ihr nur auf der Durchreise waren, gehen zu lassen.


Da waren wir nun, Sally und ich. Ich wohnte damals in einer zentral gelegenen 2-Zimmer Wohnung in Wien und Sallys Kinderbettchen stand aufgrund der Wohnsituation in meinem Schlafzimmer. Zur Ankunft hatten wir eine Familienpuppe an sie weitergegeben und diese trug ein Nachthemd aus dem gleichen Stoff wie das ihre. Auf den Foto, das ich in ihrer ersten Nacht bei mir von ihr gemacht habe, liegt sie im Bettchen im Partnerlook mit ihrer Puppe und schläft ganz friedlich. Als wäre sie schon immer da gewesen. Am nächsten Morgen krabbelte sie aus ihrem Bettchen in mein großes Bett und suchte bei mir Geborgenheit.


Das große gemeinsame Abenteuer hatte begonnen - seit diesem Tag im September vor zehn Jahren sind wir unzertrennlich. Durch ihre wunderbare Persönlichkeit hat Sally ganz natürlich die Herzen aller erobert und ihren Platz in unserer Familie gefunden.


Fortsetzung folgt ...

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