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Pflegekind-Serie: wenn das "brave" Kind plötzlich schwierig wird - die Anpassungsphase


Warum „alles läuft gut“ oft nicht das ist, wonach es aussieht


Wenn das Pflegekind nach der Anbahnungsphase bei euch angekommen ist, um ganz Teil eurer Familie zu werden, scheint erstmal meistens alles gut zu laufen. Man freut sich darüber, dass sich das Kind so nahtlos und ohne Schwierigkeiten in die Familie einfügt. Nach einigen Wochen oder Monaten kommen plötzlich Probleme auf. Dann beginnt die "Anpassungsphase".


Was ist die Anpassungsphase eigentlich?

Die Anpassungsphase beginnt oft kurz nach der Aufnahme eines Pflegekindes. Und sie kann täuschend ruhig verlaufen.


Das Kind wirkt:

  • freundlich

  • kooperativ

  • pflegeleicht

  • manchmal sogar auffallend „unkompliziert“


Für erschöpfte oder aufgeregte Pflegeeltern kann sich das anfühlen wie:

„Es passt. Wir haben Glück.“ Aber in vielen Fällen passiert hier etwas ganz anderes.


Anpassung ist keine Bindung

Ein zentraler Satz, den man sich immer wieder bewusst machen sollte: Anpassung ist eine Überlebensstrategie – keine Beziehung. Pflegekinder bringen Erfahrungen mit, in denen Beziehungen unsicher, wechselhaft oder sogar gefährlich waren.


Ihr Nervensystem hat gelernt:

  • beobachten

  • sich anpassen

  • nicht auffallen

  • Bedürfnisse zurückstellen


Nicht, weil sie „brav“ sind.Sondern weil es sie geschützt hat.


Warum gerade am Anfang so viel „gut läuft“

Wenn ein Kind neu in eine Familie kommt, ist alles ungewohnt.Menschen, Räume, Regeln. Das Nervensystem geht in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit.


Das Kind scannt:

  • Wie reagieren diese Erwachsenen?

  • Was wird erwartet?

  • Was passiert, wenn ich etwas falsch mache?


Viele Kinder entscheiden sich unbewusst für die sicherste Strategie: Ich passe mich an.


Das kann bedeuten:

  • keine Wut zeigen

  • schnell „funktionieren“

  • überangepasstes Verhalten

  • scheinbare Selbstständigkeit


Für Außenstehende wirkt das oft positiv. Für das Kind ist es oft anstrengend. Das Schwierige an der Anpassungsphase ist nicht, dass sie problematisch ist. Sondern dass sie so unauffällig ist. Pflegeeltern denken: „Es ist ruhig, also ist es gut.“ Die Ruhe in diesem Fall bedeutet nicht, dass das Kind entspannt ist. Diese Ruhe kann auch Ausdruck der Erschöpfung, der tiefliegenden Angst und der Kontrolle sein. Der Unterschied ist für Pflegeeltern schwer festzustellen.


Wenn die Anpassung endet

Viele Pflegeeltern berichten von einem Wendepunkt:


Plötzlich zeigt das Kind:

  • starke Gefühle

  • Wut

  • Rückzug

  • Widerstand

  • Regression


Die Pflegeeltern fallen aus allen Wolken und machen sich Sorgen. Warum ist unser ruhiges und angepasstes Kind plötzlich so anders? Was ist passiert?


Haben wir etwas falsch gemacht?

An dieser Stelle kann ich euch beruhigen - ihr habt gar nichts falsch gemacht - im Gegenteil!

Oft beginnt an dieser Stelle erst die eigentliche Beziehung zwischen eurem Pflegekind und euch. Denn erst wenn das Kind spürt, dass es bei euch sicher ist, dass es bei euch bleiben darf und ihm nichts mehr passiert, dann erst kann es sich entspannen und beginnen, seine Traumata zu verarbeiten.


Warum diese Phase so wichtig ist

In dieser Zeit testet das Kind, wie die Erwachsenen reagieren auf die Anpassung, auf erste kleine Probleme, auf Signale der Überforderung.


Das Kind versucht herauszufinden: "muss ich mich anpassen, um bleiben zu dürfen oder darf ich ich selbst sein?" Diese Phase kann sehr anstrengend sein, nicht nur für euch, sondern auch für euer Pflegekind.


Was ihr in dieser Phase tun könnt:


1. Verhalten nicht vorschnell bewerten

Ein „pflegeleichtes“ Kind ist nicht automatisch ein entspanntes Kind. Genausowenig dürft ihr Gefühlsausbrüche des Kindes persönlich nehmen oder als Bewertung eurer Erziehung verstehen.

2. Raum für echte Gefühle lassen

Auch wenn sie noch nicht gezeigt werden. Wenn die Wut ausbricht oder die Trauer, präsent sein, trösten, Sicherheit und Liebe geben

3. Erwartungen überprüfen

Nicht jedes „es läuft gut“ ist ein stabiles Fundament. Wenn es plötzlich nicht mehr so gut läuft, ist es eine gute Entwicklung, denn das Kind hat Vertrauen zu euch gefasst.

4. Sich innerlich vorbereiten

Die schwierigeren Phasen nicht gleich am Anfang, sondern etwas später – und das ist kein Rückschritt, sondern ein Schritt in die richtige Richtung!


Ein Satz, der bleibt

Ein Kind, das sich anpasst, zeigt nicht, wie gut es ihm geht.

Sondern wie gut es gelernt hat, sich zu schützen.


Die Anpassungsphase ist keine Täuschung. Sie ist ein Schutzmechanismus. Wenn wir sie verstehen, können wir besser auf unser Pflegekind reagieren:


  • geduldiger

  • klarer

  • weniger verunsichert


Und vielleicht auch liebevoller mit uns selbst.


Denn wenn es später schwieriger wird,heißt das nicht, dass etwas schiefgelaufen ist. Im Gegenteil. Es bedeutet, dass jetzt die Heilung beginnt.


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