Pflegekind-Serie: Die Anbahnung - nur ein Anruf und euer Leben verändert sich!
- Vampirndl

- vor 4 Tagen
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Das Telefon klingelt - das Jugendamt ist dran - sie haben ein passendes Pflegekind für euch gefunden! Plötzlich ist alles anders - die Theorie der Vorbereitungsseminare ist vorbei und die Realität beginnt. Doch wie meistert man die Anbahnungsphase, wie kann man trotz der Aufregung rational bleiben?
Die Anbahnungsphase ist die Brücke zwischen dem ersten Kennenlernen und dem endgültigen Einzug eines Pflegekindes. Ihr seid aufgeregt und freut euch auf euer Kind. Dennoch gibt es einiges zu beachten. Je besser ihr diese Phase (und die folgenden Phasen) versteht, desto besser gelingt die Eingliederung des Pflegekindes in eure Familie.
Was passiert in der Anbahnungsphase bei Pflegekindern?
In dieser Phase lernt ihr und euer Pflegekind euch kennen. Ihr besucht euch gegenseitig – erst in der vertrauten Umgebung des Kindes, dann im neuen Zuhause. Je nachdem wie alt das Kind ist und wieviele Stationen es bereits hatte vor der endgültigen Unterbringung bei euch, desto mehr oder weniger lange und intensiv kann diese Phase sein. Meine Pflegetochter war bereits 2 Jahre alt, als sie zu mir kam, darum dauerte die Anbahnungsphase ein paar Wochen. Zunächst besuchte ich sie bei der Krisenpflegefamilie, nach ein paar Besuchen gingen wir bereits nur zu zweit auf den nächsten Spielplatz. Es war ein vorsichtiges „Beschnuppern“. Das Ziel dieser Anbahnung ist es, eine erste Bindungsebene aufzubauen, bevor das Kind endgültig umzieht. Für die Eltern bedeutet das oft eine Achterbahnfahrt zwischen „Schockverliebtsein“ und der Panik, ob man der Aufgabe gewachsen ist.
Warum sind Pflegekinder am Anfang so brav? Das Phänomen der Überanpassung
Viele Pflegeeltern sind in den ersten Tagen überrascht: „Das Kind ist so lieb und unkompliziert!“ Doch hier ist Vorsicht geboten. In der Psychologie spricht man oft von der Überanpassung oder dem „Fawning“.
Das Kind befindet sich in einem emotionalen Überlebensmodus. Es weiß ja nicht, was es von der neuen Umgebung und von euch zu erwarten hat. Es "scannt" seine neue Umgebung und versucht, um jeden Preis zu gefallen, um nicht wieder weggeschickt zu werden. Diese Kinder sind oft Meister in Resilienz, aber die Anpassung ist trügerisch. Hinter dem „braven“ Verhalten steckt viel Unsicherheit und Angst. Erst wenn das Kind sich wirklich sicher fühlt – meist erst in der späteren Anpassungsphase – traut es sich, sein wahres Gesicht mit all der Wut und Trauer zu zeigen.
Checkliste für Pflegeeltern: Fragen an das Jugendamt
In der Euphorie der Anbahnung vergisst man oft, die harten Fakten zu klären. Doch ihr müsst wissen, was im „Rucksack“ des Kindes steckt. Nur wenn ihr möglichst viel über euer zukünftiges Pflegekind und die Vorgeschichte wisst, könnt ihr mit den Herausforderungen umgehen. Viele Pflegeeltern verdrängen (verständlicherweise), dass das Kind auch eine Ursprungsfamilie hat. Da ihr in den meisten Fällen auch Kontakte zu den leiblichen Eltern haben werdet, solltet ihr auch über diese möglichst viel erfahren!
Scheut euch nicht, dem Jugendamt detaillierte Fragen zu stellen:
Biografie: Wie viele Beziehungsabbrüche gab es bereits? (Ursprungsfamilie, andere Unterbringungen, Krisenpflegefamilien?)
Gesundheit: Gibt es Hinweise auf FASD oder Drogenexposition während der Schwangerschaft? Gibt es Erbkrankheiten in der Familie, hat das Kind sonstige Mangelerscheinungen (Unterernährung, Vitamin-D Mangelrachitis)? Sonstige körperliche oder geistige Einschränkungen?
Herkunftssystem: Warum konnte das Kind nicht bei den leiblichen Eltern bleiben? Was ist bekannt über die Vorfälle, die zur Abnahme des Kindes geführt haben? Wie ist deren Einstellung zur Pflegefamilie?
Perspektive: Ist eine Rückführung geplant oder handelt es sich um eine Dauerpflege?
Pflegeeltern treffen leibliche Eltern: Tipps für das erste Kennenlernen
Ein besonderer Meilenstein ist oft die sogenannte „Stabübergabe“. Wenn die leiblichen Eltern psychisch stabil genug sind, kann ein Treffen in der Anbahnungsphase Wunder wirken. Wenn das Kind sieht, dass die leiblichen Eltern den Pflegeeltern „die Erlaubnis“ geben, löst das den inneren Loyalitätskonflikt. Auch wenn die Eltern nicht präsent sind, weil sie nicht dazu in der Lage sind, weil sie kein Interesse haben oder weil sie zB in Haft sind, solltet ihr möglichst viel über sie in Erfahrung bringen. Es kann auch sein, dass sich andere Verwandte des Kindes melden für Besuchskontakte oder dass die Eltern wieder "verschwinden" nach einiger Zeit. Am besten für euch ist es, wenn das Jugendamt immer als Vermittler dazwischen geschaltet ist, damit ihr euch nicht gegen übergriffige Verwandte oder Eltern wehren müsst.
Mein Tipp für das Treffen: Geht wertschätzend auf die Eltern zu. Fragt nach Lieblingsspeisen oder Einschlafritualen – das gibt den leiblichen Eltern das Gefühl, als Experten für ihr Kind wahrgenommen zu werden, und baut Spannungen ab. Bleibt möglichst neutral - Empathie zu haben ist menschlich, aber ihr seid nicht dafür verantwortlich die leiblichen Eltern zu "retten". Ihr müsst euch auch nicht schuldig dafür fühlen, dass ihr leibliches Kind nun bei euch untergebracht wird. Die leiblichen Eltern hatten in den meisten Fällen viele Unterstützungsangebote, die sie nicht oder schlecht wahrgenommen haben. Ihr seid da, um das Kind zu unterstützen und um ihm eine stabile und liebevolle Umgebung zu bieten. Die Eltern haben ihre eigene Unterstützung durch Sozialarbeiter:innen - das fällt nicht in euren Aufgabenbereich!
Loyalitätskonflikte beim Pflegekind vermeiden: Die Erlaubnis zum Bleiben
Das wichtigste Ziel der Anbahnung ist, dass das Kind spürt: „Ich darf hier (bei euch) sein.“ Das gelingt am besten, wenn sich alle beteilgten Erwachsenen kooperativ verhalten. Wenn das Kind merkt, dass die Pflegeeltern die leiblichen Eltern nicht ablehnen, oder die Besuchskontakte einigermaßen friedlich verlaufen, fällt es ihm leichter, sich auf die neue Situation einzulassen, ohne das Gefühl zu haben, seine Herkunft zu verraten. Das wird natürlich umso wichtiger, je älter das Kind ist/wird.
Fazit: Geduld ist das Fundament
Die Anbahnung ist ein vorsichtiges Beschnuppern. Erwartet keine sofortige tiefe Bindung, sondern schenkt dem Kind erst einmal Sicherheit. Ihr seid für das Kind erstmal fremde Personen und müsst euch dem Kind gegenüber bewähren, ob es sich tatsächlich auf euch verlassen kann. Dieses Zusammenwachsen zu einer wahren Familie braucht Zeit, Geduld, starke Nerven und viel Liebe.
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