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Ist unser Schulsystem noch zeitgemäß?

Aktualisiert: 9. März 2023

Oder: "Mama, warum muss ich das lernen?"

Vor Kurzem fragte mich meine Tochter, als wir uns mal wieder vor einer Mathe Schularbeit durch den Stoff quälten, ob ich das jemals in meinem späteren Leben gebraucht hätte. Sei ehrlich!, sagte sie zu mir. Und ich antwortete ehrlich und unpädagogisch, dass ich den Satz des Pythagoras zwar immer noch auswendig hersagen kann aber seit meiner Schulzeit nie mehr in meinem privaten oder beruflichen Leben angewendet habe. Ich versuchte noch, sie zu motivieren und dachte mir einige praktische Beispiele aus, wo man das Wissen vielleicht brauchen könnte. Aber das war wenig glaubwürdig.


Tatsächlich betrifft das Vieles, was ich in meiner Schulzeit lernen musste. Das Wissen ist zum Teil heute noch in meinem Hirn gespeichert und daher habe ich wohl ein recht breitgefächertes Allgemeinwissen, aber wirklich gebracht hat es mir nicht viel. Und wirklich interessiert hat es mich auch als Schülerin nicht. Eventuell könnte ich damit bei der Millionenshow weit kommen, oder ich könnte zur Rubrik "unnützes Wissen" beitragen, das ist aber auch schon alles.


Die Welt dreht sich weiter, nur die Schule nicht


Die Welt hat sich seit meinem Abitur im Jahr 1993 so stark verändert wie man es damals wohl nicht für möglich gehalten hätte. Doch wenn man sich die Lehrpläne und die Schulen anschaut, hat sich in den letzten 30 Jahren nichts Wesentliches verändert. Die Kinder lernen den gleichen Stoff auf die gleiche Weise wie wir damals. Es gibt natürlich einige Ausnahmen und manchmal verwenden die Kids multimediale Inhalte. Der Stoff hat sich leider nicht an die moderne Welt und ihre Anforderungen angepasst.


Warum müssen Kinder Inhalte auswendig lernen, die sie heutzutage in wenigen Minuten im Internet nachlesen können? Warum werden nicht Fächer oder Inhalte gelehrt, die tatsächlich nützlich sind im künftigen privaten oder beruflichen Leben? Warum wird der Lehrplan nicht komplett umgekrempelt und fächerübergreifend unterrichtet?


Meine Tochter findet die meisten Fächer langweilig und wenn ich mir die Lehrbücher ansehe, dann kann ich das gut nachvollziehen. Ich darf ihr natürlich nicht offen zustimmen, weil ich sie sonst komplett demotivieren würde, aber innerlich bin ich ihrer Meinung. Im Laufe der letzten Schuljahre habe ich an so vielen Beispielen gesehen, wie spannende Geschichten oder Inhalte den Kindern so langweilig präsentiert wurden, dass es mich nicht wundert, dass die Kinder nichts davon behalten.


Viele Lehrer beten den Stoff herunter, wie er im Buch steht und schaffen es nicht, die Kinder zu begeistern. Das war zu meiner Schulzeit leider nicht anders. Wir hatten einige Ausnahmelehrer, die es geschafft haben, uns so für ihr Fach zu begeistern, dass ich mich heute noch gerne an sie zurückerinnere. Der Fehler liegt natürlich nicht an den Lehrern alleine, die an Lehrpläne gebunden sind, die im Großen und Ganzen so sind wie eh und je.


Was sollte sich ändern?


Wir alle erinnern uns an die Lockdowns in 2022, als wir von heute auf morgen mit Home Schooling konfrontiert waren. Meine Tochter erhielt am Montag Arbeitsaufträge, die sie selbstständig erledigen musste. Dazu war sie, aufgrund des bisherigen Unterrichts, nicht in der Lage. Ich stand ihr zur Seite und habe ihr geholfen, die Inhalte zu erarbeiten. Und da geschah etwas Wunderbares. Sie war von einigen Themen so fasziniert, dass sie selbst begann, sich mehr Wissen darüber anzueignen. Sie suchte sich Dokfilme dazu auf YouTube, las Artikel, bis sie zufriedengestellt war. Es liegt also nicht daran, dass sie keinen Bock auf den Lehrstoff hat, sondern an der Vermittlung desselben.


Fächerübergreifendes Lehren


Meiner Meinung nach wäre es recht einfach, den Stoff neu zu organisieren und unser Schulsystem zu reformieren. Ich fände es viel interessanter, wenn Inhalte fächerübergreifend unterrichtet würden, wo immer es möglich ist. So könnten die Schülerinnen und Schüler in eine Epoche eintauchen und verstehen, wie unsere Welt sich entwickelt hat und warum und wie alle Bereiche miteinander zusammenhängen.


In Deutsch könnten Texte aus und über die Epoche behandelt werden, in den Lernfächern biologische, physische, chemische Entdeckungen oder Auswirkungen auf die Natur und die Umwelt der jeweiligen Zeitspanne, in Mathematik eventuell die berühmten Mathematiker der Zeit und ihre Entdeckungen, in Geschichte die historischen Zusammenhänge und Entwicklungen. Die Schüler könnten sich die Epochen fächerübergreifend durch Referate und Gruppenarbeiten gemeinsam erarbeiten und präsentieren. Sie könnten ein Theaterstück aus der Epoche aufführen, Ausflüge in Museen machen, sich Vorträge zum Thema anhören, etc. Die Möglichkeiten sind schier endlos und es gibt viel Raum für Kreativität.


Ich bin überzeugt davon, dass auf diese Art viele Schülerinnen und Schüler für den Stoff begeistert werden könnten und dass auch viel mehr Wissen verstanden und gespeichert würde.


Neue Fächer


Ich denke auch, dass es dringend notwendig wäre, in der Schule neue und aktuelle Inhalte einzuführen bzw neue Fächer, wie "digitale Grundbildung" auch stets anzupassen und aktuell zu halten. In einer Zeit, in der ein Chatbot bald bessere Texte schreiben wird als ich, ist die menschliche Kreativität bald der wichtigste Trumpf, den wir haben.


Warum lernen Kinder und Jugendliche nicht auch lebensbezogene Dinge in der Schule, wie zB Finanzmanagement? Wie investiere ich, wie funktioniert der Aktienmarkt, wie kann ich mein Geld am besten sparen und managen? Wie gehen wir miteinander um in der heutigen Zeit, wie bewege ich mich sicher im digitalen Raum? Wie komme ich gut an im Berufsleben? Wie präsentiere ich mich beim Vorstellungsgespräch? Wie schaffe ich es, bei einer Diskussion zu einem Thema beide Seite vertreten zu können?


Es gibt zwar einige Angebote an den Schulen, doch diese sind meistens freiwillige Workshops und jene Kinder, die davon profitieren würden, nehmen nicht teil. Oder, wie bereits angemerkt, schaffen es die Lehrer nicht, die Kinder für die Inhalte zu begeistern.


Neue Lehrer


Vielleicht sollte man darüber nachdenken, nicht nur Erwachsene auf die Kinder loszulassen, die zwei Fächer auf Lehramt studiert haben. Sie stehen dann mit Mitte Zwanzig und ohne viel praktische Berufs- und Lebenserfahrung vor einer Klasse von Teenagern, die eventuell in ihrem Leben schon mehr erlebt haben als sie. Vielleicht wäre es gut, wie bei unserer 7-monatigen "Expertenregierung" 2019-2020 in Österreich, Erwachsene aus dem richtigen Leben, aus der Wirtschaft, der Finanzwelt, dem Berufsleben, in die Schulen einzuladen und diese als Gastlehrer zu einem bestimmten Thema unterrichten zu lassen.


Wieviel ist unser Kind "wert"?


Wollen wir, dass der Wert unserer Kinder für weiterführende Schulen, Universtäten und die spätere Berufswelt allein mit 5 oder 6 Ziffern festgelegt wird? Wollen wir ein System, in dem die Persönlichkeit und die soft skills unserer Kinder, wenn überhaupt, eine untergeordnete Rolle spielen? Ein System, in dem der Schüler oder die Schülerin gelobt wird, die gut auswendig lernen kann? In dem Schülerinnen oder Schüler unangenehm auffallen, die nicht in dieses System passen?


Ich halte das für eine sehr gefährliche Entwicklung. Nicht erst seit der Covid-19 Pandemie geraten viele Kinder ins Hintertreffen, nicht erst seit 2 Jahren nehmen Depressionen unter Kindern und Jugendlichen zu. Viele halten dem Druck nicht mehr stand, viele fallen aus dem System und schaffen nur schwer oder gar nicht den Weg zurück. Ich glaube nicht, dass Kinder, die funktionieren und nach dem derzeitigen Benotungssystem als gute Schüler und Schülerinnen gelten, glücklichere Kinder sind. Sie ecken zwar weniger an und kommen glatter durch das Schulsystem, aber wissbegieriger und neugieriger macht sie diese Art von Unterricht eher nicht.

Bleibt neugierig!


Zu diesem Thema gäbe es noch so viel zu sagen! Ich möchte mir an dieser Stelle etwas wünschen. Ich wünsche mir von Herzen, dass der Wind der Revolution durch unsere Schulen weht und den Staub der letzten Jahrzehnte hinausbefördert. Ich wünsche mir, dass Kinder neugierig, vorlaut, kreativ sein und forschen dürfen. Und, wer weiß? Vielleicht lernen sie auch noch etwas dabei!

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