Danke für jeden neuen Morgen ...

Aktualisiert: Okt 22

Dankbarkeitsterrorismus? - Nein danke!

Dankbarkeitstagebücher sind momentan DER Hit. Für all jene, welche die letzten zwei Jahre in einer Höhle verbracht oder die Dankbarkeits- und Achtsamkeitspostings in den sozialen Netzwerken erfolgreich ignoriert haben, fasse ich gerne mal zusammen, wie das mit dem Dankbarkeitstagebuch funktionieren soll. Also...man soll jeden Tag, am besten gleich in der Früh nach dem Aufwachen (alternativ ist auch abends vor dem Schlafengehen erlaubt...) drei Dinge aufschreiben, für die man dankbar ist. (Keine Angst, ich will euch hier nicht mein super duper neues Dankbarkeitstagebuch verkaufen, ihr könnt also beruhigt weiterlesen.)


Aber Vorsicht - es müssen natürlich drei positive und politisch korrekte Dinge sein. Gut ist: ich bin dankbar für meinen bereits vorbereiteten grünen Sojamilch-Smoothie, der im Kühlschrank schon zum Frühstück auf mich wartet. Eher ungeeignet wäre: Ich bin dankbar, dass mein Arschloch von Exmann gestern seine neue Harley geschrottet hat und jetzt mit sechs Wochen Liegegips im Krankenhaus liegt.


Letzteres geht natürlich gar nicht, denn man soll sich ja positiv auf den Tag einstimmen bzw sich positiv vom Tag verabschieden. Ihr müsst also von dem altbewährten Spruch "Schadenfreude ist die schönste Freude" Abstand nehmen, wenn ihr mit der Dankbarkeitsmethode erfolgreich sein wollt. Sorry, ich weiß, das trifft nicht nur mich hart. Es müssen auch mindestens drei Dinge sein, die ihr jeden Tag notiert, denn das ist die magische Zahl, die in euch auf Dauer den Schalter zum Glücklichsein umlegt.


Spricht aus mir nur der Neid?


Ich weiß, das klingt jetzt alles furchtbar negativ und sarkastisch. Wahrscheinlich bin ich tief in mir nur neidisch, dass ich das mit dem Dankbarkeitstagebuch noch nicht hinbekommen habe. In Wirklichkeit wäre ich doch so gerne Teil dieser Dankbarkeitsbewegung. Sogar Lady Gaga schreibt schon seit ihrer Teenagerzeit ein Dankbarkeitstagebuch, in dem sie heute noch gerne zusammen mit ihrer Mutter blättert. Das ist schön.


Versteht mich nicht falsch, ich bin jeden Tag für sehr viele Dinge dankbar. Mir fallen auch spontan wesentlich mehr als drei Punkte ein, für die ich jeden Tag dankbar bin. Ich habe nur überhaupt keinen Bock, diese jeden Tag in ein Tagebuch zu schreiben oder sie gar mit der Welt zu teilen.


Vorsicht vor selbsternannten Coaches und Lebensberatern


Ich halte es für sehr bedenklich, wenn selbsternannte Coaches und Lebensberater, die heutzutage wie Pilze aus dem Boden wachsen, uns an den Punkt bringen, an dem wir uns schämen zuzugeben, dass wir es nicht schaffen, jeden Tag um 5:30 aufzustehen, eine halbe Stunde zu meditieren, eine Runde zu joggen, danach unseren TCM-freundlichen warmen Brei zu verkosten und dabei das Dankbarkeitstagebuch zu führen. Die meisten Eltern, die ich kenne, fühlen sich mindestens einmal pro Tag überfordert, verzweifelt oder schuldig, weil sie sich permanent in Frage stellen, mit glamourösen Instagram-Eltern vergleichen und Angst haben, bei der Kindererziehung zu versagen.


Es ist schon fast kriminell, den Menschen einreden zu wollen, dass sie es nur dann schaffen können, ihre Ziele zu erreichen, wenn sie den Tag mit einem Sonnengruß beginnen, ein Dankbarkeitstagebuch führen, sogar für den Gang aufs Häusl ein Kanban Board haben, ihr Zuhause perfekt nach Marie Kondo organisieren und abends den Tag mit einer Familienmeditation ausklingen lassen. Ich denke nicht, dass alle erfolgreichen Männer und Frauen diesen Erfolg nur dadurch erreicht haben, dass sie sich religiös an all diese Punkte gehalten haben.


Go with the flow


Lasst euch nicht einreden, dass ihr weniger wert seid, nur weil euer Haushalt nicht "perfekt" läuft, weil ihr in der Früh lieber eine halbe Stunde länger schlaft oder weil ihr eurem Kind schon mal ein Snickers zum Frühstück in die Hand gedrückt habt, weil ihr vergessen habt, ein Pausenbrot zu schmieren.


Ich bin zwar keine Naturwissenschaftlerin aber ich glaube daran, dass die Welt ständig dem Chaos zustrebt und es manchmal einfach keinen Sinn macht, gegen Windmühlen zu kämpfen. Da halte ich es lieber mit Billy Wilder, denke mir "Nobody ist perfect" - und dafür bin ich dankbar.

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